
Von Angela Segieth

Der Rappe
„Geh da nicht in den Stall rein, der beißt und schlägt aus!“, meinte Herr… auf einem Pferdehof. Ich konnte jedoch nicht verstehen, warum dieses Pferd aggressiv sein sollte.
Der hübsche, große, schwarze, der immer so traurig guckte und uns Mädels oft mit seiner Nase anstuppste, weil er Kuscheln wollte.
Etwas später ging Herr… in den Stall des Rappen und verprügelte ihn erst mal kräftig mit einem Besenstiel, dass tat er öfter.
Und ja, jetzt konnte ich das Pferd verstehen. Wer würde da nicht beißen und treten?
Glatteis
Es war Winter, kalt und sehr glatt. Ich wollte mein Pflegepferd an der linken Seite putzen. Jedoch stand er mit dieser Seite am Anbindebalken. Damit ich an seine linke Seite heran konnte, sollte er nach rechts gehen. Durch ein unter uns ausgemachtes Handzeichen und den Befehl: „Rum!“, wusste er das und ging nach rechts. Und kam dann wieder auf den Anbindebalken zu, ich konnte wieder nicht an die linke Seite.
Das Gleiche spielte sich dreimal ab und weil ich es so gelernt hatte schimpfte ich, dann gab es auch einen hinweisenden, sanften Klaps auf sein Hinterteil.
Seltsam war allerdings, dass er das noch nie gemacht hatte. Also warum gerade jetzt?
Als ich mir dann die Zeit nahm seine Situation genauer zu betrachten und den Boden unter ihm anschaute, sah ich, dass rechts von ihm Glatteis war, da wo er stand war keines. Ich erkannte, dass er sich damit schützte. Pferde können sich auf Glatteis schnell mal ein Bein brechen, weil sie dort keinen Halt haben.
Wenn er etwas nicht will, bleibt er hartnäckig und mittlerweile weiß ich, dass es dafür (so gut wie) immer einen Grund gibt und heute bin ich viel aufmerksamer. Ich bin sehr dankbar, dass mein Pflegepferd so eine starke Persönlichkeit ist. Durch ihn habe ich sehr viel über die (Körper)Sprache der Pferde gelernt.
Er hat wirklich eine Engelsgeduld mit mir.
Womit das sogenannte „Problempferd“ Probleme hatte
Die ersten Reitstunden mit meinem Pflegepferd
Beim Reiten möchte jeder Reiter alles richtig machen, ich auch. Also erst mal auf den Reitplatz und mal schauen wie das mit uns beiden so passt. Wie ich es beim klassischen Reiten gelernt habe, nahm ich die Zügel an (schön kurz) und hab das Pferd immer schön angetrieben, im Takt leicht mitgehen.
Dieses besagte Pferd ist gestiegen, hat gebuckelt, ist mit allen vier Beinen in die Luft gesprungen und wollte einfach nur rasen, wie ich es vorher noch nie erlebt habe. Mir wurde gesagt das es bei diesen Pferd ebenso ist. Er ist wohl nicht so leicht zu reiten.
Eine andere Person die dieses Pferd auch reitet, hatte die tolle Idee für ihn ein Fliegennetz zu besorgen.
Wir haben es ausprobiert und… super: Steigen, buckeln und in die Luft springen ist nur noch sehr selten vorgekommen. Die Ursache: Dieses Pferd reagiert sehr sensibel auf Fliegen usw. besonders auf der Nase wo auch Pferde sehr empfindlich sind.
Toll das alles seinen Grund hat (meine Erfahrung).
Wie ein Pferd mich vom Westernreiten überzeugte
Das Traben war allerdings schwierig und galoppieren fast unmöglich. In dieser Situation, war ich mit meinem Latein am Ende.
Ich hatte gelernt die Zügel immer mehr aufzunehmen (immer kürzer) um beim Reiten Verbindung zum Maul zu halten.
Immer wenn ich die Zügel aufgenommen habe ist er unruhig und schneller geworden. Bei diesem Pferd funktionierte nichts, von dem was ich gelernt hatte.
Also gut. Dann habe ich die eiserne Regel einfach mal gebrochen und die Zügel etwas hingegeben (locker gelassen) und… er wurde langsamer, ruhiger und kämpfte nicht mehr mit mir.
Toll, ein Schritt in die richtige Richtung (dachte sich Wahrscheinlich das Pferd).
Einige Tage später sagte mir eine Bekannte das es bald einen Westernreitkurs geben würde und die Trainerin mir vielleicht weiterhelfen könnte.
Hm? Westernreiten? Kannte ich nicht. Aber hey, ich war echt für alles offen was mir und dem Pferd helfen würde uns besser zu verstehen.
Mein erster Westernreitkurs
Ich erläuterte der Trainerin unsere Problematik und wir gingen ans Werk.
Kurz gefasst ist folgendes passiert: Erster Tag.
Traben um eine Pylone, aussitzen. Trainerin sagte: „Hüfte entspannen, Zügel leicht annehmen und langsam die Zügel hingeben.“
Und das Wunder geschah… das Pferd ist so langsam getrabt, dass ich im Sattel sitzen bleiben konnte. Er nahm den Kopf nach unten, er war leicht wie eine Feder und locker usw.
Trainerin sagte: „Dann galoppier mal!“
(Na toll, buckeln, rasen – das kann ja heiter werden). So war es dann auch.
Trainerin: „Lass ihn sich ausrennen!“
Ich weiß nicht mehr wie viele Runden er im Jagdgalopp gerannt ist. Habe mich einfach nur festgehalten und wieder ein Wunder… Er wurde langsamer.
Zweiter Tag.
Er trabte langsam, ruhig und locker. Auch der Galopp war viel ausgeglichener und ich konnte ihn sogar anhalten. Es gab auch noch viele unterschiedliche Übungen, die das Pferd mit Bravur gemeistert hat.
Wir hatten endlich einen gemeinsamen Weg gefunden.
Naja, ich musste noch viel üben um mir dieses „an den Zügel Gezerre“ abzugewöhnen und mal los zulassen.
Eigentlich wollte mir dieses Pferd nur sagen: „Hör auf mir im Maul rumzufuschen und gib mir nicht jeden Schritt vor! Ich bin schon groß und kann alleine laufen!“
Hinweis: Beim Englisch- wie Westernreiten gibt es noch vieles mehr zu beachten. Diese Beschreibung ist in Kurzform gehalten und soll lediglich meine persönlichen Erfahrungen wiedergeben.
Es ist nicht immer leicht ein Pferd (Tiere) zu verstehen.
Durch:
viel und aufmerksames Beobachten
sich in das Pferd hinein versetzen
erlernen der Körpersprache
Liebe, Zeit und Geduld
wird es leichter.

